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"Zur Verhütung erbkranken Nachwuchses"

Zwangssterilisationen in Bottrop 1934 - 1943

 

Knappschaftskrankenhaus_Bottrop_1931-32_200pxAus der Zeit zwischen 1934 bis 1943 sind 379 Sterilisierungsverfahren aus Bottrop dokumentiert. 295 Menschen wurden letztlich zwangssterilisiert. Es handelt sich um 202 Frauen und Mädchen sowie 177 Männer und Jungen. Ob es weitere Fälle gab, ist unklar. Darüber hinaus existieren in Bottrop 2.000 bis 3.000 sogenannte "Sippenakten". Sie enthalten persönliche Daten für eine "erb­­biolo­­gische Kartei" über die "erbliche" und "rassische" Beschaffenheit.

Nach dem nationalsozialistischen "Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses", welches am 1. Januar 1934 in Kraft trat, galt als "erbkrank […]: Wer an einer der nachfolgenden Krankheiten leidet: Angeborener Schwachsinn, Erbliche Fallsucht (Epilepsie), Schizophrenie, Schwerer Alkoholismus, Schwere körperliche Missbildungen, Erbliche Blindheit, Erbliche Taubheit, Manisch depressives Irresein, Erblicher Veitstanz (Chorea Huntington)".

Das Verfahren zur Zwangssterilisation war aufwändig und bürokratisch. Es sollte einen rechtsstaatlichen Charakter vortäuschen. Für die Durchführung der Zwangssterilisation bedurfte es eines Gerichtsbeschlusses. Der oder die Betroffene musste in den Eingriff "einwilligen", ansonsten drohte Zwang.

Das Verfahren zur Sterilisierung konnte auf eigenen Antrag, den eines Betreuers, eines Arztes oder des Amtsarztes der Stadt Bottrop in Gang gesetzt werden. Die Kosten für Antragsverfahren, Begutachtung, Gerichtsverfahren, Zwangssterilisation und Nach­­untersuchungen trugen in der Regel die gesetzlichen Krankenkassen oder die öffentliche Hand. Zum Teil mussten auch die Betroffenen selbst dafür zahlen.

Die Landesbehörden bestimmten Krankenhäuser und Ärzte vor Ort, welche die Sterilisierungen durchführen sollten. In Bottrop war dies das Knappschaftskrankenhaus. Ärzte waren nach dem "Erbgesundheitsgesetz" dazu verpflichtet, Personen mit einer vermeintlichen "Erbkrankheit" oder "schwerem Alkoholismus“ dem Amtsarzt der Stadt Bottrop zu melden. Diese Verpflichtung galt für „alle Personen, die sich mit der Heilbehandlung, Untersuchung oder Beratung von Kranken“ befassten - von der Hebamme bis zum Krankenhausleiter.

Der Amtsarzt hatte die Pflicht, ein Sterilisierungsverfahren zu beantragen. Falls sich vermeintlich "Erbkranke" widersetzten oder weigerten, konnte er polizeiliche Hilfe in Anspruch nehmen, um etwa die Untersuchung im Gesundheitsamt zu erzwingen. Letztlich entschied das für die Stadt Bottrop zuständige "Erbgesundheitsgericht Essen". Insgesamt wurden 82 Sterilisierungsanträge abgelehnt, 73 durch das "Erbgesundheitsgericht Essen" und neun durch das "Erbgesundheitsobergericht Hamm".

Betroffene konnten gegen den Gerichtsentscheid zur Sterilisation Widerspruch einlegen. Dies geschah in Bottrop 49 Mal. Nur neun Widerspruchsverfahren waren erfolgreich. Nach 1945 gab es 16 Wiederaufnahmeverfahren, mit denen Betroffene erreichen wollten, dass sie nicht mehr als "erbkrank" galten.

 

Auszüge aus Zwangsterilisierungsverfahren an BottroperInnen

Akte-Zwangssterilisation-1klein Akte-Zwangssterilisation-2klein

Akte-Zwangssterilisation-3klein Akte-Zwangssterilisation-4klein

 

Aufarbeitung der Bottroper Akten zu Zwangsterilisationen

Die 379 Akten werden derzeit wissenschaftlich ausgewertet. Später sollen auch die „Sippenakten“ aufbereitet werden. Dies geschieht unter Leitung von Professor Dr. Bernd Schildt vom Lehrstuhl für Rechtsgeschichte und Bürgerliches Recht der Universität Bochum unter Begleitung durch Dr. Bernhard Kretschmer und Nils Borchert. Beteiligt sind zudem das Gesundheitsamt der Stadt Bottrop und das Stadtarchiv. Die Kosten für das Projekt trägt die Stadt Bottrop.

 

© 2009 Arbeitskreis Bottroper Opfer der "Euthanasie"