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Losgelöst von dem, was wirklich geschieht

WAZ Bottrop vom 17. Oktober 2006

Sozialarbeiter vor Ort hören die Debatte über Unterschicht und Armut mit Unverständnis. Vor zehn Jahren hat die Politik das Thema schon einmal neu "entdeckt". Nur eine Minderheit hat sich mit Hartz IV arrangiert

von Marie-Luise Schmandt

 

Verständnislos verfolgt Wolfgang Kutta, Sozialarbeiter mit mehr als 20-jähriger Berufserfahrung, die Debatte um Unterschicht und Armut in Deutschland, geführt von Politikern auf Bundesebene. "Das ist völlig absurd. Die Leute sind völlig losgelöst von dem, was in Wirklichkeit passiert." Kutta ist Mitglied im Beirat der Arbeitsgemeinschaft Arbeit für Bottrop, und er wundert sich sehr, dass Armut plötzlich als "neues Thema" entdeckt wird. "Das gab es schon immer: Es existiert eine Gruppe von Ausgeschlossenen, die keine Chance auf Arbeit und Ausbildung haben."

Ähnliches hat der Leiter der Ev. Sozialberatung vor rund zehn Jahren beobachtet: Damals entdeckte die Politik die "Neue Armut", die den Mittelstand bedrohte. "Das war schon damals nicht neu", erklärt Kutta. Und: Aus seiner Sicht gibt es einen klaren Zusammenhang zwischen dem Abbau von Sozialleistungen und der Verwahrlosung und Gefährdung von Kindern. Eine neue Qualität habe der Sozialabbau mit den Hartz-VI-Gesetzen erreicht: Was zuvor nur punktuell eingeschränkt wurde, fiel nun auf breiter Front weg.

"Selbstverständlich" gebe es die Lethargischen, die - zumeist am Ende eines langen Prozesses - jede Hoffnung auf Aufstieg aufgegeben hätten und sich stattdessen mit den Sozialleistungen des Staates arrangierten. Nach Kuttas Überzeugung wird der Fokus der öffentlichen Aufmerksamkeit absichtsvoll auf diese Gruppe gelenkt, um weitere Kürzungen im sozialen Bereich zu rechtfertigen. Dabei habe sich nur eine Minderheit damit abgefunden, von der Unterstützung durch öffentliche Gelder leben zu müssen: "Das ist eine kleine Prozentzahl", erklärt Kutta: "Der Großteil ist doch willig, sich an der Gesellschaft zu beteiligen, er hat nur keine Chance.

"Armut und Verelendung: Das ist für Cornelia Kavermann, Leiterin der Arbeitsgemeinschaft soziale Brennpunkte, "ein ganz alter Hut." Die Politik habe mit ihrer "Wir-sind-alle-gleich"-Ideologie die Realität lange verleugnet. "Es ist ganz klar, dass wir eine Unterschicht haben. Wer arm ist, gehört zur Unterschicht . Es wurde nur lange nicht so genannt." Inzwischen sei die Zahl der Betroffenen rasant gewachsen, und die Kluft zwischen "oben" und "unten" sei größer geworden.

Nach ihrer Schätzung haben 5 oder 10 Prozent der Armen resigniert. "Aber bei den anderen ist diese Resignation nicht da, ich würde das nicht pauschalisieren." Kavermann denkt vor allem an die "hoch motivierten" 1,50-Euro-Jobber, die "fix und fertig" seien, wenn sie nach Abschluss ihrer Maßnahme nichts mehr zu tun hätten.